Ernst Reuter
Quelle: SZ-Photo

Ernst Reuter wird zur Stimme Berlins und der freien Welt

Rund 300.000 Menschen haben sich auf dem Trümmerfeld vor dem zerstörten Reichstag versammelt. Der Kalte Krieg zwischen Ost und West hat begonnen. In Berlin spitzt er sich zu. Ernst Reuter hält eine der berühmtesten Reden der deutschen Geschichte: "Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!"

Die Sowjets haben am 24. Juni 1948 alle Zufahrtswege nach Berlin abgeschnürt. Auch die Stromversorgung ist unterbrochen.

In den West-Sektoren Deutschlands wird seit kurzem in D-Mark gezahlt. Die Teilung des besetzten Landes ist beschlossene Sache. Mitten in der sowjetisch besetzten Zone unterliegt Berlin der Kontrolle aller vier Siegermächte.

Das ist den Sowjets und ihren ostdeutschen Statthaltern ein Dorn im Auge. Sie setzen auf eine Politik der Stärke und die Nachgiebigkeit der Westmächte. Doch sie haben ihre Rechnung ohne Ernst Reuter und die Entschlossenheit der Westberliner gemacht.

Den Sowjets ist Reuter ein Dorn im Auge
Seit einem Jahr ist Reuter der gew
ählte Oberbürgermeister Berlins. Aber er muss sich von Louise Schröder vertreten lassen. Die Sowjets in der Alliierten Kommandantur haben ihr Veto gegen Reuters Wahl eingelegt. Er sei ein Nazi-Kollaborateur und unfähig.

Das ist eine üble Verleumdung und dreiste Lüge: Reuter hat unter den Nazis mehrfach im KZ gesessen, er wurde misshandelt und ins Exil gezwungen. Er ist zudem der Vater der Berliner Verkehrsbetriebe und ein bewährter Organisator.

Aber der Sozialdemokrat ist, seit frühen Erfahrungen mit dem Bolschewismus und der Komintern, ein überzeugter Antikommunist.

Schon am 24. Juni hält Reuter eine öffentliche Rede. Vor 80.000 Zuhörern fordert er die Berliner auf, der sowjetischen Erpressung zu widerstehen und sich für die Freiheit Berlins einzusetzen. Jetzt gehe es nur vordergründig um Stromversorgung und freie Straßen. In Wahrheit gehe es um den Kampf zweier System, um Freiheit oder Unfreiheit.

Reuter dringt auf die Einrichtung einer Luftbrücke
Auf Dr
ängen Reuters richten die US-Amerikaner unter General Lucius D. Clay eine Luftbrücke ein. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wird eine Millionenstadt allein aus der Luft versorgt. Pausenlos starten und landen "Rosinenbomber" auf dem Flughafen Tempelhof.

Die Luftbrücke ist, allen Zweiflern zum Trotz, ein großer Erfolg. Die amerikanischen Flieger werden von den Berlinern begeistert bejubelt - und umgekehrt wächst in den USA die Bewunderung für die Bürger einer Stadt, die sich weigert, vor den Sowjets zu kuschen. Und für Ernst Reuter.

Ernst Reuter gibt dieser Stadt ein Gesicht und eine Stimme. Er ist ein begnadeter Redner. Er kennt Berlin. Er kennt die Sowjets. Er weiß, wovon er spricht. Er trifft den richtigen Ton.

Die Blockade wird zu Stalins Niederlage
Am 9. September strömt eine schier unüberschaubare Menschenmenge zum Platz vor der Reichstagsruine. Reuter appelliert an die "Völker der Welt", Berlin und die Berliner jetzt nicht im Stich zu lassen. Millionen sind vor dem Radiogerät

dabei. Niemand, der die Rede hört, wird sie vergessen. Die Sowjets müssen schließlich einsehen, dass die Blockade Berlins gescheitert ist. Sie haben nicht nur eine faktische, sondern auch eine gigantische moralische Niederlage erlitten. Sie haben die erste große Propagandaschlacht des Kalten Krieges verloren.

Ernst Reuters SPD erringt im Dezember bei der Wahl einer neuen Stadtverordnetenversammlung - die allerdings nur in den Westsektoren stattfinden kann - mit 64,5 % der Stimmen fast eine Zweidrittelmehrheit. Ein Triumph. Die Stadtverordnetenversammlung wählt Reuter einstimmig (!) zum Oberbürgermeister.

Zwei Jahre später wird er als erster den Titel "Regierender Bürgermeister" tragen. Rechtzeitig hat er dafür gesorgt, dass die Stadtverwaltung aus dem Rathaus im Sowjet-Sektor umgezogen ist ins Rathaus Schöneberg.

Reuter wird zum Anti-Adenauer
Reuters immenser Popularit
ät zum Trotz ist er in der Berliner SPD nicht unumstritten. Auch mit dem SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher liegt Reuter gelegentlich über Kreuz. Mit seiner Forderung, Berlin als zwölftes Bundesland in die Bundesrepublik aufzunehmen, kann er sich nicht durchsetzen. Doch die Öffentlichkeit sieht ihn zunehmend als den eigentlichen Gegenspieler des CDU-Kanzlers Konrad Adenauer.

Dem Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 kann Reuter nur tatenlos zusehen. Eiligst aus dem Urlaub zurückgekehrt, bewundert er über den Rundfunk den Mut und die Freiheitsliebe der Arbeiter, die sich gegen das SED-Regime

erhoben haben. Vergeblich fordert er den Westen auf, die Aufständischen zu unterstützen. Sowjetische Panzer eilen den SED-Funktionären zu Hilfe. Die Westmächte lassen es geschehen. Der Aufstand wird niedergeschlagen.

Am 28. September 1953 muss Reuter eine Abendveranstaltung absagen. Er fühlt sich unwohl. In der Nacht erleidet er einen Herzanfall, von dem er sich nicht mehr erholt. Als der Berliner Rundfunk am Abend des 29. September Reuters plötzlichen Tod meldet, stellen Abertausende Berliner spontan brennende Kerzen vor ihre Fenster. Ernst Reuter ist nur 64 Jahre alt geworden. In Berlin ist er unvergessen. (uk)

Zur Website der Stiftung Ernst-Reuter-Archiv.

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