Deutschlandfest
Quelle: Tassilo Oestmann

Berlins Fanmeile ist rot

Rund 500.000 Menschen erleben an diesem Wochenende etwas in den Worten von Sigmar Gabriel "Einmaliges – was es nirgendwo sonst in Europa gibt": eine demokratische Partei feiert ihren 150. Geburtstag. Und zwar mit dem wohl größten politischen Fest (kein Aufzug, kein befohlenes Zusammensein!), das es auf diesem Kontinent jemals gegeben hat. Berlins Fanmeile ist rot.

"Donnerwetter" – hier ist richtig was los
Peer Steinbrück muss, als er um kurz nach 16 Uhr am Samstag auf die Bühne tritt, dort, wo sonst Fußballstars gefeiert werden, zunächst kurz Atem holen. "Donnerwetter!" entfährt es ihm: "Ich habe so etwas noch nicht erlebt." Bis weit hinter das Riesenrad auf dem Weg zur Siegessäule ist die Straße des 17. Juni von Menschen völlig zugestellt, bunt gemischt und heiter.

"Mehr denn je" begrüße er neben den "Damen und Herren" gern seine "lieben Genossinnen und Genossen!"

Der Kanzlerkandidat der SPD hält die Hauptrede an diesem historischen Tag. Zeitweise lassen die Ordner niemanden mehr auf das Gelände zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule. Zu dicht ist das Gedränge geworden. Wer zu spät kommt, den bestrafen die Ordner.

(Quelle: SPDvision)

Peer Steinbrück begründet die Ortswahl. Sie war im Vorfeld umstritten. Müsse das sein, am Brandenburger Tor, hatten Kritiker gefragt? "Genau hier!" müsse das sein, bescheidet Steinbrück sie. Hier, wo so oft Deutschlands Schicksal auf der Kippe stand:

1918, als der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann nur einige hundert Meter entfernt die Republik ausrief: "Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist vergangen, es lebe das Neue, es lebe die deutsche Republik!"

Wo heute stolz gefeiert werden kann, kämpfte Otto Wels einst für die Ehre Deutschlands
1933, als die Nazis diese Republik wieder zerstörten und mit Fackeln durch das Brandenburger Tor zogen. Als aber auch, wieder nur ein paar hundert Meter weg von diesem Ort, in der Kroll-Oper, Otto Wels namens der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion Nein zu Hitlers "Ermächtigungsgesetz" sagte und die "mutigste Rede hielt, die je in einem deutschen Parlament gehalten worden ist", wie Steinbrück Peter Struck zitiert.

Schließlich 1989, als die Menschen in der DDR den Fall der Mauer erzwangen und die Wieder-Öffnung des Tors. Und auch, fügt Steinbrück hinzu, 2005, als Demokraten verhinderten, dass Neonazis den Fackelzug von 33 wìederholten: "Wir müssen wachsam bleiben!"

Jetzt ahnt das Publikum, warum Steinbrück unter den Klängen von "Wir sind zuhaus’" die Bühne betreten hat, komplett mit seinem Kompetenzteam und der Parteispitze. Zuvor sind Ausschnitte aus dem Festakt von Leipzig am 23. Mai über die Leinwände geflackert. Die Gratulationen des Bundespräsidenten, des französischen Staatspräsidenten. Sigmar Gabriels "Wir sind die Konstante der deutschen Demokratie."

Heute, in Berlin, diesmal unter freiem Himmel und vor Hunderttausenden, variiert Gabriel den Satz: "Wir sind das Rückgrat der Demokratie – und das bleiben wir auch!" Wir Sozialdemokraten.


Nicht fehlerfrei. Aber mit dem Willen, zu gewinnen
Politik-Verdrossenen oder -Verärgerten – falls solche den Weg zur Straße des 17. Juni gefunden haben sollten – gesteht der Parteivorsitzende zu: "Demokratie macht auch Fehler. Weil Demokratie von Menschen gemacht wird." Dann stellt er Steinbrück als jemanden vor, "der sich nicht verrückt machen lässt".

Zum Beispiel von Meinungsumfragen, denen zufolge die Bundestagswahl am 22. September jetzt schon entschieden wäre, oder von Unkenrufen, zum Deutschlandefest in Berlin kämen allenfalls die Hartgesottensten, ein paar tausend vielleicht. Auch nicht von Meteorologen, die fürs Wochenende Schauer angedroht haben.

Von wegen Schauer. Es herrscht Willy-Wetter in Berlin. Allerbestes Spätsommerwetter. Die Getränkehändler am Rande der Sozi-Meile können sich über Rekordumsätze freuen.

Am meisten verwundert Mäkler wohl, dass Sozialdemokraten zu feiern verstehen. Die Mischung aus Politik, Musik, Satire, Aktionen: sie funktioniert. Sie kommt an. Jeder der vielen dutzend Stände ist umlagert, dauernd, ganz gleich ob die Jusos Hitlerfiguren wegkegeln lassen, ob Thorsten Schäfer-Gümbel über Gerechtigkeit diskutiert und nebenbei Fragen zum Kasseler Flughafen beantworten muss, ob die Band Acoustica den Sozi-Klassiker "Wann wir schreiten Seit an Seit" verrockt, oder ob Frank-Walter Steinmeier in der Debatten-Arena erzählt, wie er zur SPD gefunden hat:

"1972, ich war Schüler. In der Aula stand ein kleiner Schwarzweißfernseher." Da lief die Übertragung vom Misstrauensvotum gegen Willy Brandt im Bundestag. Da habe er gespürt, wie "alle" um ihn herum: "Es geht um richtig was. Ganz Deutschland hat aufgeatmet." Als das Misstrauensvotum schließlich gescheitert ist. "Das war für mich der Stoß, um endgültig der SPD beizutreten."

Auch Oliver Scheytt, in Steinbrücks Kompetenzteam zuständig für Kulturpolitik, hat keine Mühe, Menschen zu finden, die sich aufs einen roten Klappstuhl setzen mit der Aufschrift "Worte für den Wechsel" und sich dabei filmen lassen, wie sie Erwartungen an die künftige Regierung Steinbrück formulieren.

Steinbrück will´s wissen
Überhaupt: Die Sozi-Fanmeile ist keine kritikfreie Zone. Frank-Walter Steinmeier räumt ein, der bildungspolitische Elan, der einen wie ihn zu Abitur und Studium getragen habe, sei auf dem langen Weg seither "verlorengegangen". Das passt zu Steinbrücks Wort vom "Aufbruch", den er dem Land verordnen wolle, wenn er Kanzler werde.

Der selbstgefälligen Untätigkeit der Amtsinhaberin wolle er Tatkraft entgegensetzen und Entscheidungsfreude, aber auch Verantwortungsbewusstsein: "Ich will ein Land, in dem es nicht darauf ankommt, wo du herkommst, sondern wo du hinwillst!" Er wolle ein Kanzler aller sein, "die noch etwas bewegen wollen".

Vielleicht ist das der Grund, warum 700 Künstler gerne zugesagt haben, zum Deutschlandfest zu kommen und aufzutreten. Und warum Tim Renner im Namen einer Initiative von Kreativen und Kulturschaffenden Steinbrücks Kandidatur von der gewaltigen Bühne aus ausdrücklich unterstützt.

Musik, Feierlaune und Wecker´scher Klartext
Auf Bühne Nummer Vier, weit hinten, noch hinter dem Riesenrad, tritt am frühen Abend Konstantin Wecker auf und gibt ein furioses Konzert. Poetisch, komödiantisch, musikalisch vom feinsten, hochpolitisch dabei. Willy Brandt zitiert er und August Bebel, der seine Genossen vor "Versumpfung" gewarnt habe. Utopien, Visionen brauche das Land, sonst schlafe es ein, ruft Wecker seinem Publikum zu – das nicht widerspricht.

Alte und neue Lieder reiht Wecker um spitz formulierte Ansagen herum. "Unsere Kanzlerin" spricht er an, die von nichts zu wissen vorgebe, wenn die Daten von Millionen Menschen ausspioniert werden, aber eine rechtsradikale Mörderbande gleichwohl unerkannt durchs Land ziehe: "Sie ist entweder eine völlig unfähige Politikerin oder eine Lügnerin."

Das ist Klartext auf Wecker’sche Art. Dem er ein Liedchen mit dem vergifteten Refrain folgen lässt. "Wir werden von dem schönsten Lächeln dieser Welt regiert."

Ganz aus dem Häuschen sind die Tausende, die an Weckers Lippen hängen, als der Klangkünstler volkstümlich wird: "Zieht den Börsianern die Anzughosen aus!"

Ein Erlebnis; für alle, die dabei gewesen sind. Wecker bei der SPD. Als könne er es selbst nicht ganz fassen, lässt er am Ende eines eher ruhigen Liedes die Worte fallen: "Ein Wecker-Konzert mit der Atmosphäre eines Kirchentags!" Unfassbar.

Ähnlich ist die Atmosphäre schon am frühen Nachmittag, als auf derselben Bühne Klaus Hoffmann alte und neue Fans in seinen Bann zieht mit Balladen wie jener, in der es heißt: "Ich bin so hungrig und ich fühle mich so satt."

Prominenz zum Anfassen und Zuhören
Ähnlich ist sie im Lesezelt und in der Debatten-Arena, wo sich Auftritt an Auftritt, Gespräch an Gespräch reiht, vor stetig anschwellendem Publikum.

(Quelle: SPDvision)

Da kann man sehen, wie sich Hannelore Kraft, die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, auf den Boden hockt, zwischen Kinder, die an ihren Lippen hängen, als sie "Neues vom Franz" erzählt. Wie Andrea Nahles, die Generalsekretärin, geduldig Interview um Interview gibt. Oder hören, wie Sigmar Gabriel bekundet, dass er seiner kleinen Tochter daheim in Goslar nur sehr zugespitzte Botschaften vorliest: "Wauwau, Hüh!, Mäh!", und die Moderatorin frech einwirft: "Sie sieht sicher eine große Begabung in Ihnen!"

Hier und heute liest Gabriel aus Kästners "Emil und die Detektive" vor: weil es darin um Solidarität gehe, um Zusammenhalten und Nichtaufgeben, und weil die Geschichte ein glückliches Ende habe. Gabriel: "Ich liebe Happy Ends."

Auf nach Berlin – mit dem Rad "einfach toll"
Für knapp 200 Radlerinnen und Radler, die aus Köln, Hamburg, Erfurt, Frankfurt, Würzburg, Hannover und dem Ruhrgebiet eine Woche gen Berlin gestrampelt sind, ist das Happy End ihrer Sternfahrt pünktlich um 11 Uhr am Bandenburger Tor erreicht. Als ihnen die SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks ihren Respekt bekundet und die letzten Kilometer mitradelt: "Einfach eine tolle Aktion!." Sie erinnert daran, dass Sozialdemokraten schon vor 150 Jahren nicht nur "gemeinsam schlau werden wollten", sondern auch gemeinsam Sport getrieben haben.

Als am Abend das Brandenburger Tor in warme Farben getaucht erstrahlt und Nena die Luft vibrieren lässt, spätestens jetzt ist klar, was ihre Kollegin Julia Neigel meinte, als sie Stunden vorher sang: "Heute ist der perfekte Tag." (uk)

(Quelle: SPDvision)

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"Donnerwetter!" Peer Steinbrück blickt vom Brandenburger Tor auf Hunderttausende und ist für Augenblicke sprachlos: "Ich habe in meinem Leben so etwas noch nicht erlebt." Die SPD feiert Geburtstag. Sie feiert zugleich, in Sigmar Gabriels Worten, "ein Fest für die Demokratie".  Im besten Sinn ein "Deutschlandfest".

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