Philipp Scheidemann
Quelle: AsdD / Friedrich-Ebert-Stiftung

Das Wort ist sein Schwert

"Das Alte und Morsche ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue! Es lebe die deutsche Republik!" Mit diesen Worten ruft Philipp Scheidemann am 9. November 1918 die erste deutsche Republik aus. Mit diesen Worten macht Philipp Scheidemann Geschichte. Und er wird zu einer Symbolfigur der Republik.

Als Sohn eines Tapezierer- und Polstermeisters wird Philipp Scheidemann am 26. Juli 1865 in Kassel geboren.

Sein Vater, Friedrich Scheidemann, stirbt früh. Nach der Schule beginnt Philipp Scheidemann eine Lehre zum Schriftsetzer, die er 1883 abschließt. Im selben Jahr tritt er in die SPD, die zu dieser Zeit verboten ist, und in die Buchdruckergewerkschaft ein.

Aus bescheidenen Verhältnissen
Seine Gründe dafür beschreibt Scheidemann später in einem Zeitungsartikel "Ich bin der neue Stift": "Nach acht Uhr kam ich wieder in die elterliche Wohnung, nach einer effektiven Dienstzeit von zwölf Stunden am ersten Lehrtage. Bei diesen zwölf Stunden blieb es nicht leider nicht, denn mit der später erfolgten Zuweisung  in die Zeitungssetzerei wurde die Arbeitszeit noch viel ungeregelter, auf jeden Fall länger. Hinzu kam die regelmäßige Arbeit am Sonntag. Einen Schutz für Arbeiter gab es damals ebenso wenig, wie ein Gewerbegericht, Betriebsräte oder Erwerbslosenversicherung. […] Aber eins gab es damals doch schon: Männer, die die Unerträglichkeit der Arbeitsverhältnisse erkannt hatten und deshalb ihre Existenz aufs Spiel setzten, um für die Besserung der sozialen Verhältnisse und für politische Rechte der Arbeiter zu kämpfen.“ (Quelle: Auszug aus „Ich bin der neue Stift“, Unbekannte Tageszeitung, unbekanntes Datum, SPD-Parteiarchiv).

Wegen solcher Missstände engagiert sich Philipp Scheidemann nach seiner Ausbildung in der SPD, die ab 1890 nicht mehr verboten ist. Ab 1895 schreibt er Artikel für sozialdemokratische Zeitungen in Gießen, Nürnberg, Offenbach und Kassel. Er druckt Flugblätter, organisiert Veranstaltungen und gründet sogar eine sozialdemokratische Zeitung.

Der Aufstieg beginnt
1903 wird Philipp Scheidemann Reichstagsabgeordneter und bleibt es bis 1933, also 30 Jahre. Von 1906 bis 1911 ist er zudem Stadtverordneter in Kassel. 1912 ist Scheidemann der erste

Sozialdemokrat überhaupt, der das Amt des Vize-Reichstagspräsidenten erhält. Er kann es aber nicht ausüben, weil er den üblichen "Antrittsbesuch" beim Kaiser verweigert. Nach dem Tod von August Bebel 1913 übernimmt Scheidemann gemeinsam mit Hugo Haase den Fraktionsvorsitz bis 1918.

Der Erste Weltkrieg tobt von 1914 bis 1918 und bringt Leid und Verderben über ganz Europa. Die SPD ist wegen der Zustimmung zu den Kriegskrediten zerstritten. Scheidemanns Eintreten für einen Verständigungsfrieden ("Scheidemannplan") kann nicht verhindern, dass sich ein Teil der Abgeordneten von der SPD abspaltet und die USPD gründet.

Krieg und Elend
Die militärische Führung
des Kaiserreiches ist sich der Ausweglosigkeit der Situation bewusst. Ein Sieg ist nicht mehr möglich. Außerdem sind die deutschen Soldaten und die deutschen Bürger kriegsmüde. Die sozialen Missstände und die politischen Missverhältnisse lassen den Unmut und den Druck der Bevölkerung wachsen. 

Um dem ein Ventil zu verschaffen, wird im Oktober 1918 die erste parlamentarische Reichsregierung gebildet. Ihr steht Reichskanzler Prinz Max von Baden vor. Scheidemann gehört seinem Kabinett als Staatssekretär an. Doch die Revolution, die Anfang November in Kiel ihren Ausgangspunkt hat, lässt sich nicht mehr aufhalten.


Streikende Arbeiter füllen am 9.11.1918 die Straßen von Berlin. Kurz darauf verkündet Philipp Scheidemann die Republik.(Quelle:dpa)

Die SPD setzt sich an die Spitze der Demokratie-Bewegung und Philipp Scheidemann ruft am 9. November 1918 vom Reichstag aus die "deutsche Republik" aus. Seine Worte und sein entschlossenes Handeln schreiben Geschichte. Und er kommt Karl Liebknecht nur zwei Stunden zuvor, der vom Berliner Schloß aus die "freie sozialistische Republik" ausruft.

An der Spitze
Von Anfang an geh
ört Scheidemann zu den Repräsentanten des neuen Systems, der Republik. Dem neu gebildeten Rat der Volksbeauftragten, eine Art Übergangsregierung, sowie der ab Januar 1919  in Weimar tagenden Nationalversammlung gehört Scheidemann genauso an wie der ersten Reichsregierung. Dieser Weimarer Koalition (SPD, Zentrum und DDP) steht er als Reichsministerpräsident bis zum 20. Juni 1919 vor.

Seit ihrer Gründung wird die Republik von Unruhen und Streiks erschüttert. Dass die Regierung mit Hilfe der Reichswehr und Freikorps gegen die Streik-Bewegung vorgeht, bleibt damals und bis heute nicht kritiklos. Denn sie stützt sich auf Kräfte, denen die Republik ein Dorn im Auge ist, sie stützt sich auf Feinde der Republik. In Militär, Wirtschaft und Verwaltung sitzen nach wie vor dieselben Eliten, die bereits im Kaiserreich dort saßen. Keine gute Ausgangssituation, kein gutes Fundament für ein neues politisches System.

Die Regierung Scheidemann zerbricht bereits im Juni 1919. Aber nicht an innen- sondern an außenpolitischen Problemen: dem Versailler Vertrag. Der Firedensvertrag sieht hohe Reparationszahlungen, Gebietsverluste und eine Dezimierung der Armee vor.

Rücktritt
Scheidemann verweigert die Unterzeichnung des Friedensvertrages:
"Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns diese Fessel legt?" Er tritt von seinem Amt als Reichsministerpräsident und von der Parteiführung zurück.

Philipp Scheidemann ist weiterhin eine Symbolfigur der "Weimarer Republik" und ihren Gegnern nach wie vor verhasst. Nach einer Reihe von rechtsextremen Attentaten auf Repräsentanten der Republik verüben im Juni 1922 Mitglieder der Organisation Consul auch ein Attentat auf Scheidemann. Er überlebt,  aber seitdem trägt er bei Spaziergängen eine Pistole mit sich.

Der Vorfall hindert Scheidemann nicht, weiterhin Politik zu machen. Bereits 1919 zum Oberbürgermeister von Kassel gewählt, übt er dieses Amt bis 1925 aus. Sein Reichstagsmandat behält Scheidemann bis 1933. Er tritt weiterhin offensiv für seine Überzeugungen ein. 

Scheidemann kritisiert die SPD geführte Regierung nach dem Kapp-Putsch von 1920 scharf, weil diese es versäumt habe, die Reichswehr von Republikfeinden zu säubern.  Er fordert eine klare Trennung zwischen Regierungs- und Parteipolitik. Diese dürften nicht in ein Abhängigkeits-Verhältnis geraten. Außerdem macht er die Rüstungskooperation zwischen der Reichswehr und der Sowjetunion publik.

Nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 und der folgenden Verhaftungswelle flieht Scheidemann. Über mehrere Länder gelangt er schließlich nach Dänemark. Hier ist er weiterhin publizistisch tätig und analysiert die Entwicklungen in seinem Heimatland. Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, am 29. November 1939, stirbt Scheidemann in Kopenhagen.(to)

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