SPD Wahlplakat "Wir schaffen das moderne Deutschland" 1969
Quelle: AdsD / Friedrich-Ebert-Stiftung

"Mehr Demokratie wagen"

Nie hat die Regierungserklärung eines deutschen Bundeskanzlers mehr Aufsehen erregt. Keine andere ist so in Erinnerung geblieben wie schon die Überschrift über der ersten Regierungserklärung Willy Brandts: "Wir wollen mehr Demokratie wagen".

Dreimal ist Willy Brandt der Spitzenkandidat der SPD gewesen. Seit 1966 ist er – in der Großen Koalition mit CDU und CSU – deutscher Außenminister. Die Bundestagswahl 1969 geht denkbar knapp aus. Die Union kommt auf 46,1 Prozent, die SPD auf 42,7 Prozent, die FDP auf 5,8 Prozent. Die NPD scheitert knapp an der 5-Prozent-Hürde. Noch verharrt die Bundesrepublik strukturell und mental in der Adenauerzeit.

Willy Brandt will und wird das ändern. Am 28. Oktober kündigt der frisch gewählte Bundeskanzler eine gewagte und anspruchsvolle Reformpolitik an. Kaum einen Bereich des öffentlichen Lebens wird die sozialliberale Koalition unberührt lassen, von den Regeln des Zusammenlebens über das Klima in den Schulen bis zur Architektur. Es beginnt, was der Historiker Bernd Faulenbach "Das sozialdemokratische Jahrzehnt" nennen wird.

Ein Aufbruch ohnegleichen
Brandts neue Ostpolitik verändert Europa und führt zum Fall der Berliner Mauer. Die schon von der Großen Koalition begonnene Strafrechtsreform geht von einem neuen Menschenbild aus. Der mündige, für sich selbst verantwortliche Bürger tritt an die Stelle des Untertans. Bundeswehrsoldaten gelten als Bürger in Uniform. Das Wahlalter wird gesenkt, die Mitbestimmung erweitert. Bildung tritt in den Mittelpunkt der Politik.

Hören Sie hier einen Ausschnitt von Willy Brandts Regierungserklärung (Quelle: FES):

"Wir schaffen das moderne Deutschland": Das ist der zentrale Slogan des 69er Wahlkampfs. Schon die Plakatgestaltung, die Schrift, die begleitende Musik, die Tatsache, dass Künstler wie Günter Grass für den Kandidaten trommelten: Das alles atmet einen neuen Geist. 

Wie dieses moderne Deutschland aussehen kann, das erleben am eindrucksvollsten die Teilnehmer und Besucher der Olympischen Spiele in München 1972. Leider haben das Attentat auf das israelische Sportler-Team und seine Folgen die Erinnerung an die Spiele selbst fast verdrängt.

Die dumpfe "Hauptstadt der Bewegung" Adolf Hitlers hat sich unter der Stadtregierung des Sozialdemokraten Hans-Jochen Vogel in eine liebenswerte "Weltstadt mit Herz" verwandelt. Anheimelnd und modern zugleich. In der offenen parkähnlichen Gestaltung des Olympiageländes ist das Versprechen "Wir wollen mehr Demokratie wagen" Architektur geworden.

Viel Feind', viel Ehr
Das alles ist nicht selbstverständlich. Brandt wird heftig angefeindet und trifft auch in der eigenen Partei auf viele Kritiker. Aber er hält Kurs, scheinbar unbeeindruckt.

Auch die SPD verändert sich. Ihr strömen in Massen neue, junge Mitglieder zu, vor allem im Wahljahr 1972, als der Erfolg der neuen Politik auf Messers Schneide steht. 

Johano Strasser, in den 70ern einer der klügsten Köpfe der Jusos, wird später schreiben:

"Ich eigne mich nicht zum Fan. Aber Willy Brandt war und ist für mich in vielem ein Leitstern. Er verkörperte den Politiker, den ich in den 50ern und 60ern herbeigesehnt hatte: charismatisch und pragmatisch zugleich, mit einer eigenen Sprache. Einer, der nicht schon fertig war, wie all die anderen, die uns von oben herab belehrten: ein Suchender, ein Europäer und Weltbürger wie ich." (Quelle: vorwärts 11/2012) (uk)

Willy Brandts Wahlfilm "Einer für alle" von 1961


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