Bundeskanzler Willy Brandt kniet am 7. Dezember 1970 vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Ghetto in Warschau
Quelle: dpa

Brandt verändert Deutschland

Dieses Bild bleibt unvergessen: Der Bundeskanzler Willy Brandt kniet vor dem Mahnmal der Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto. Dafür feiert ihn die ganze Welt. 

Die Reise nach Polen ist Brandts bislang schwierigste Aufgabe, seitdem er 1969 zum Bundeskanzler gewählt worden ist. Die Deutschen haben das Land im Zweiten Weltkrieg verwüstet. Sechs Millionen Polen kommen zwischen 1939 und 1945 um. Nach dem Ende des Krieges ist die Beziehung zum Nachbarland schwer belastet. 25 Jahre später will Brandt ein Zeichen setzen. Er will die Versöhnung.

Es ist ein trüber Tag, an dem Brandt auf das Mahnmal der Opfer des Aufstandes im Warschauer Ghetto zugeht. Die Fernsehkameras verfolgen jeden Schritt. Brandt richtet die Schleife am Kranz. Dann lässt sich der Bundeskanzler plötzlich auf die Knie fallen – eine überraschende Geste, unerwartet auch für sein engstes Umfeld. In einem Interview erinnert sich Egon Bahr an diesen spontanen Moment: "Das war eine Eingebung des Augenblicks", ist er sich sicher. Brandt sagt ihm später, er habe das Gefühl gehabt, die Kranzniederlegung allein genüge nicht.

Zeichen für einen Neuanfang
Die Bilder des Kniefalls gehen um die Welt. Sie berühren die Menschen. Und sie verändern Deutschlands Gesicht. Aber die Geste ist nur ein Teil eines neuen Umgangs mit der deutschen Vergangenheit. Noch am selben Tag unterzeichnen Brandt und der polnische Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz den "Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen über die Grundlagen der Normalisierung ihrer gegenseitigen Beziehung".

Mit diesem Warschauer Vertrag erkennt Westdeutschland die Oder-Neiße-Grenze an. Beide Seiten vereinbaren den Gewaltverzicht. Der Vertrag soll einen Schlussstrich ziehen "unter Leiden und Opfer einer bösen Vergangenheit und das Zeichen für einen neuen Anfang setzen", wie Brandt in einer Rundfunkansprache an die deutsche Bevölkerung erklärt.

Quelle: Studio Hamburg / HistoClips

Für die Versöhnung mit dem Nachbarland erhält der Bundeskanzler 1971 den Friedensnobelpreis. Der Kniefall Brandts ist auch in Warschau unvergessen. Seit Dezember 2000 erinnert auf dem nach Brandt benannten Platz eine Bronzetafel an dessen symbolische Bitte um Vergebung.

Wandel durch Annäherung
Dem Warschauer Vertrag vorausgegangen ist eine Gewaltverzichtserklärung mit der UdSSR, der so genannte Moskauer Vertrag. Weitere Ostverträge folgen. Sie alle stehen im Zeichen der neuen Ostpolitik unter Bundeskanzler Brandt. Der Leitgedanke: "Wandel durch Annäherung". Damit wollen Brandt und sein Staatssekretär im Kanzleramt, Egon Bahr, die starre Blockkonfrontation zwischen Ost und West aufweichen. Diese Politik der Annäherung und Entspannung bereitet den Boden für den Mauerfall.

Nicht nur Brandts Ostpolitik geht in die Geschichte ein. Brandt selbst ist nach wie vor Vorbild für die SPD. "Mit seinem Versprechen, mehr Demokratie zu wagen, hat er ein Leitbild formuliert, an dem sich politisches Handeln auch heute noch messen lassen muss", so Schleswig-Holsteins SPD-Landeschef Ralf Stegner. (ms)

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