Der aufgebahrte Sarg mit dem sterblichen Überresten Willy Brandts im Rathaus von Berlin Schöneberg am 16. Oktober 1992
Quelle: Picture-Alliance

Willy Brandts Vermächtnis

Willy Brandt stirbt. Nicht nur in Deutschland wird getrauert. In einem Grußwort an die Sozialistische Internationale hat Willy Brandt, einem Vermächtnis gleich, den politischen Auftrag der Sozialdemokratie in wenigen ergreifenden Worten zusammengefasst:

"Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll."

16 Jahre lang ist Willy Brandt Vorsitzender der Sozialistischen Internationale (SI). Zusammen mit dem Schweden Olof Palme und dem Österreicher Bruno Kreisky verkörpert er den globalen Auftrag der sozialdemokratischen Idee. In Zeiten, in denen sich Ost und West waffenstarrend gegenüberstehen und arme Staaten als "Dritte Welt" abgetan werden, vertreten sie den Gedanken der "Einen Welt".

Menschenrechte gelten überall
Im Kalten Krieg unterstützt der Westen Diktatoren – gemäß dem zynischen Wort: Egal, ob der Kerl ein Schurke ist, Hauptsache, er ist unser Schurke. Für Willy Brandt ist das inakzeptabel. Für ihn besteht die Strahlkraft des Westens nicht in dessen Reichtum oder gar der Stärke seiner Waffen, sondern im glaubwürdigen Anspruch, dass Menschenrechte zu jeder Zeit und überall und für jede und jeden gelten. Eine gerechte Welt – das kann nur eine soziale und demokratische Welt sein.

Die SI hilft den Völkern Südeuropas, die letzten faschistischen Regime loszuwerden: in Spanien, in Portugal, in Griechenland. Willy Brandt übernimmt den Vorsitz der Nord-Süd-Kommission. Dank ihr verbreitet sich die Erkenntnis: Es kann den Menschen 

auf der Nordhalbkugel der Erde nicht auf Dauer gut gehen, wenn die Menschen auf der Südhalbkugel hungern, unter Kriegen leiden und ausgebeutet werden.

Am 15. September 1992 tagt die SI in Berlin. Brandt sagt seine Teilnahme eine Woche vorher ab. Seit einer letzten vergeblichen Operation im Mai weiß er, dass sein Krebsleiden unheilbar ist. Seitdem hat er sein Haus in Unkel bei Bonn am Rhein nicht mehr verlassen. Brandts letzte Besucher sind Felipe Gonzalez aus Spanien, Pierre Mauroy aus Frankreich, Brandts Nachfolger im Vorsitz der SI, und Hans-Jochen Vogel. Vogel ist es auch, der Brandts Brief an die SI – sein politisches Vermächtnis – in Berlin verliest. Am späten Nachmittag des 8. Oktober stirbt Willy Brandt. Er ist 78 Jahre alt geworden. Außer August Bebel hat niemand so lange wie er die deutsche Sozialdemokratie geführt und geprägt. Er hat ihr ein weltweit geachtetes Gesicht gegeben. Seine Taten und seine Reden wirken fort.     

Freier Markt gegen soziale Demokratie
Die Idee der "Einen Welt" ist noch längst nicht Wirklichkeit geworden. Die Idee des freien Marktes hat sich global verbreitet. Die Idee der sozialen Demokratie hinkt hinterher. Wo Völker sich von Diktatoren befreien, müssen sie erkennen: Wahlen allein machen nicht frei und schaffen keine Demokratie. Nur wo allen Menschen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich ist und Aufstieg durch Bildung, wo Arbeit anständig bezahlt wird und wo das Recht regiert, kann von einer Herrschaft des Volkes gesprochen werden: von Demokratie. (uk)

Lesetipp: Willy Brandt, Man hat sich bemüht, Hommage an einen großen deutschen - Willy Brandt im Spiegel der Karikatur, hrsgb. von Helmut G. Schmidt, 2. Auflage, Kirchsahr 2012.

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