Bundespräsident Joachim Gauck beim Festakt in Leipzig
Quelle: dpa

Seit 150 Jahren auf dem Weg zu einem besseren Land

Wie wird eine Partei 150 Jahre alt? Wie übersteht sie Kriege, Verbote und Revolutionen? Der Festakt in Leipzig liefert Antworten.

"Die Kernforderungen der Sozialdemokratie waren und sind auf immer neue Weise aktuell", stellt die höchste Autorität im Staat, Bundespräsident Joachim Gauck, höchst nüchtern fest. Ja, der runde Geburtstag der SPD sei "ein Feiertag für das europäische Ringen um Freiheit und Demokratie".

Bundespräsident Joachim Gauck mitten unter den feiernden Genossen: "Ich sage Dank." (Quelle: Andi Kunze für 150-Jahre-SPD.de)

Frankreichs Präsident Francois Hollande lobt die Gründer der SPD: "Sie verknüpften das sozialistische Ideal mit der demokratischen Idee." Die "Godesberger Erklärung" der SPD bleibe ewig aktuell, auch für einen Franzosen. Sie lasse sich so zusammenfassen: "Der Markt so viel wie nötig, Solidarität so weit wie irgend möglich."

Die Schauspielerin Iris Berben zitiert und preist Marie Juchacz, die als erste Frau überhaupt in einem deutschen Parlament gesprochen hat – was Frau Berben ein enthusiastisches "Ja!!" entlockt. Und sie erinnert an Elisabeth Selbert, der zu verdanken sei, dass im Grundgesetz steht: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." Iris Berben: "Fünf einfache Worte, die für uns Frauen wie eine Befreiung wirkten."

Eine Linie von Lassalle bis Schröder
Immer wieder hätten Sozialdemokraten "verantwortungsbewusste Entscheidungen für das ganze Land getroffen", so Gauck. Der Bundespräsident zieht eine Linie von Ferdinand Lassalle und Eduard Bernstein über Otto Wels und Kurt Schumacher bis in die Gegenwart.

Bernstein, für den Demokratie "Mittel und Zweck zugleich" gewesen sei. Wels, dessen Nein zu Hitlers Ermächtigungsgesetz "die Ehre der deutschen Demokratie gerettet hat". Schumacher, der 1945 der Versuchung widerstand, mit den von Moskau gesteuerten Kommunisten zusammenzugehen, "die eine alte durch eine neue Ohnmacht ersetzten".

Schließlich Lassalle, der schon 1863 keine Diktatur des Proletariats angesteuert habe, sondern eine "emanzipatorische Politik" des Aufstiegs durch Bildung und Teilhabe. Gauck: "Damals war das revolutionär. Modern ist es auch heute noch."

Auch bei der Gestaltung der "Agenda 2010" habe die SPD das Ganze im Blick gehabt – und nicht aktuelle Meinungsumfragen. Der Bundespräsident: "Ich sage Dank."

Sigmar Gabriel befördert Angela Merkel
Gerhard Schröder hört es von der ersten Reihe aus. Er sitzt neben Helmut Schmidt und Angela Merkel. Nicht nur Bundespräsident und Bundeskanzlerin sind erschienen, auch der Bundestagspräsident und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts.

Sigmar Gabriel weiß noch, dass dies vor 50 Jahren anders war. Als die SPD ihr Hundertjähriges feierte, glänzten die Spitzen des unionsregierten Staates noch durch Abwesenheit. Auch so sieht Fortschritt aus.

Bei der Erwähnung Angela Merkels unterläuft Gabriel ein kleiner Lapsus. Er spricht sie als "Bundespräsidentin" an. Lacher aus dem Publikum machen Gabriel auf seinen Fehler aufmerksam. Kurzes Zögern, dann: "Ich bin der Zeit voraus!" Erneute Lacher. Gabriel: "Dass keiner glaubt, das sei bereits eine Verabredung!"

Angela Merkel macht zu allem gute Miene. Auch, als Hannelore Kraft sie summarisch als Teil der "Verfassungsorgane" begrüßt – Peer Steinbrück, "der für uns die Fahne trägt", jedoch namentlich hervorhebt. Was kann die SPD dafür, dass ihr Jubiläum in ein Wahljahr fällt?

Die Idee der Freiheit
Sigmar Gabriel gibt das gesammelte Lob an die "Millionen Mitglieder und Anhänger" der SPD weiter, die mutig und standhaft der Idee treu geblieben seien, deretwegen der ADAV vor 150 Jahren gegründet worden ist: "Die Idee der Freiheit".

In Gabriels Worten: "Der Lebensweg eines jeden Menschen soll frei und offen sein." Das sei es, worum es der Sozialdemokratie im Eigentlichen gehe. 

Das sei heute leider so wenig eine Selbstverständlichkeit wie 1863. Wie Hollande auch erinnert Gabriel daran, dass Millionen junger Europäer gegenwärtig arbeitslos sind. Die Aufgabe der Sozialdemokratie heiße heute: "Europa muss sozialer und demokratischer werden." Sie habe eine klare Vision: "Die Globalisierung darf nicht Reichtum für wenige, sie muss Gerechtigkeit für alle bedeuten!"

"Europa braucht uns!"
Hollande weist auf die SPD-Traditionsfahne, auf der es heißt: "Einigkeit macht stark". Heute sei die Einigkeit der Sozialisten und Sozialdemokraten in Europa gefordert: "Europa braucht uns!"

Kurt Beck und Peer Steinbrück betrachten die geschichtsträchtige Fahne von 1863. (Quelle: ak) 

Das zu erkennen helfe im Übrigen ein Blick weitere 50 Jahre zurück. 1813 fand bei Leipzig die "Völkerschlacht" statt, ein blutiger Höhepunkt des napoleonischen Feldzugs durch Europa. Hollande: "150 000 junge Europäer verloren ihr Leben", allein in dieser einen Schlacht: "Wenn wir Frieden schaffen wollen, dürfen wir niemals den Krieg vergessen!"

Zu all den Reden intonieren die Leipziger Symphoniker die Melodien bekannter Arbeiterlieder und, zuletzt, die Ode an die Freude. Naturally 7 bieten eine moderne Version von "We shall overcome". Und die Flying Steps erinnern virtuos  tanzend daran, dass die frühe Sozialdemokratie nicht nur eine Bildungs-, sondern auch eine Turn-Bewegung war.

Bei bestem Wetter kommen Tausende zum Bürgerfest, verfolgen die Reden im Gewandhaus, lauschen der Musik und machen deutlich: Der 150. Geburtstag der SPD ist ein echtes Fest. (Quelle ak)

"Ergreifend" findet eine jüngere Besucherin die Feier. Ein etwas älterer Genosse aus Berlin findet: "Das war die beste Veranstaltung, die der SPD in den letzten 50 Jahren gelungen ist." Und Francois Hollande stellt fest: "Dieser Festakt vermittelt uns ein wunderbares Bild von der deutschen Demokratie. Seien Sie stolz!" (uk)

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